Jahrestagung NFIP/WIPP-Würzburg 2026: Abstract

Dr. med. univ. Thomas Leitner (Würzburg)

Lebendigkeit und Abstinenz

Bezugnehmend auf den Titel der Arbeitstagung „Lebendigkeit, endlich?“ versuche ich, die Grenzen des in der analytischen Beziehung „Lebbaren“ abzustecken. 

Wieso die Anführungszeichen, und wieso das Hinterfragen des „Lebbaren“? In der Titelgebung scheint die Frustration über eine leblose Analyse zum Ausdruck zu kommen, und die Hoffnung, diese zu überwinden und, endlich, mehr lebendig sein zu dürfen. Aber was drängt da ins Leben? An welchem Tabu vorbei? Um welche Art von Lebendigkeit geht es uns?

Winnicott schreibt, die erste Aufgabe des Analytikers sei es, lebendig zu bleiben. In seiner Nachfolge spricht Ogden in meisterhafter Form davon, wie die analytische Beziehung in sprachlicher Lebendigkeit erblühen kann. 

Allerdings: Einer der großen Schätze der Psychoanalyse ist Freuds Entdeckung der Wiederholung früherer Beziehungserfahrungen in der therapeutischen Beziehung. Diese frühen – aversiven bis furchtbarsten – Erfahrungen sind nun nicht selten die Grundlage für das neurotische Leid, dass uns in Analysen begegnet, und die Wiederbelebung ist zwar zum Erkenntnisgewinn enorm wertvoll, deren Ausleben aber manchmal hochgradig destruktiv. 

Für das Freudsche Motto „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“, also die Wiederholung zulassen, aber das eigene Mitagieren deutlich zu begrenzen, ist nun eine gewisse Abstinenz des Analytikers unabdingbar, um dem Patienten seine früh angelegten Muster zu demonstrieren und ihm zu mehr Freiheit in seiner Lebensgestaltung, und damit zu mehr Lebendigkeit zu verhelfen.

In meinem Vortrag versuche ich, das Verhältnis von notwendiger Abstinenz zu wünschenswerter Lebendigkeit auszuloten.