Prof. Helga Krüger-Kirn (Würzburg)
Leibliche Verkörperungen im 21.Jahrhundert
Seit Freud wird der Körper in der psychoanalytischen Theoriebildung als ein Ort konzeptualisiert, an dem sich sowohl Identifizierungen wie auch Abwehrdynamiken verkörpern. Demzufolge repräsentiert der Körper, genauer gesagt der verleiblichte Körper, auch die nicht verarbeiteten Erfahrungen und wird zum Austragungsort psychischer Konflikte. Im Zuge einer zeitdiagnostischen Perspektive kommt hinzu, dass massenmedial vermittelte, idealisierte Körperbilder das gegenwärtige imaginäre Selbst- und Körperverständnis prägen und einen beträchtlichen Beitrag zur narzisstischen (Über-)Besetzung des Körpers bei gleichzeitiger Vernachlässigung leiblicher Erfahrungen leisten.
Mein Vortrag thematisiert, wie wichtig ein kultur- und geschlechtersensibles Bewusstsein ist, um leibliche Verarbeitungsprozesse und Körper-Symptome kontext- und geschlechtersensibel zu „lesen“. Diese Perspektive bezieht die Position des Therapeuten* mit ein, denn der social und gender bias adressiert nicht nur einen differenzierten Blick auf den Patienten*, sondern auch auf den Behandler*. Mit Freuds Aussage, dass „[j]ede psychoanalytische Behandlung ein Versuch [ist], verdrängte Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen kümmerlichen Kompromiss-Ausweg gefunden hat […]“ (Freud 1907, 118), wird dieser Zusammenhang auf die analytische Beziehung übertragen und charakterisiert diese als potenziellen Ort der subjektiven und politischen Selbst-Erkenntnis. Dabei spannt der Doppelaspekt des Begriffs unerhört im Sinne von Nichtbeachtung und Verboten einen Bogen zu der hier referierten Position.
In dem daran anschließenden Workshop werden anhand von Fallvignetten Themen der Scham, homo- und heterosexuellen bzw. erotisch-libidinösen Ü/GÜ, Berührung, Einordnung von Körperpraktiken (wie lässt sich eine Grenze zwischen (notwendiger) Anpassung und Unterwerfung/Selbstverleugnung an sozial anerkannte geschlechtliche Körpervorstellungen herausarbeiten u.a.)